Die Berliner Literaturkritik, 28.05.08




Lebensläufe – Mariusz Szczygiels Reportagen über tschechische Nachbarn

„Gottland“ erzählt von Menschen des 20. Jahrhunderts

Von ROLAND H. WIEGENSTEIN - © Die Berliner Literaturkritik, 28.05.08

Was haben ein Schuster, der eine Schuhfabrik gründet, eine bekannte Schauspielerin, ein Bildhauer, ein Autor von Groschenromanen, ein Filmregisseur, ein Schlagerstar und zwei Pop-Sängerinnen, eine bekannte Ärztin und ein unauffälliger Angestellter miteinander zu schaffen? Scheinbar nichts, außer, dass sie alle Tschechen sind. Und was veranlasst Mariusz Szczygiel, einen 1966 geborenen polnischen Journalisten dazu, sich ausgerechnet mit den Lebensläufen dieser so verschiedenen Figuren zu befassen, über sie ein Buch mit Reportagen zu schreiben?

Martin Pollack, selbst ein Autor und Reporter von Gnaden, hat im Nachwort zu Szczygiels Buch „Gottland“ darüber eine Vermutung aufgestellt: Polen und die Tschechoslowakei „lebten mit dem Rücken zueinander.“ Es war gerade ihre so ähnliche Geschichte, die sie einander entfremdete: die Geschichte zweier Länder, die Jahrhunderte hindurch beide unter fremden Herren leben mussten, die Polen unter sächsischen Kurfürsten, Preußen und Russen, die Tschechen in der von Österreichern dominierten k.u.k. Monarchie, deutscher Besatzung in der Nazizeit und russischer nach dem Prager Frühling von 1968. Ihre Bewohner aber reagierten sehr verschieden auf die Zumutungen solcher Regime. Der polnische Widerstandsgeist erschöpfte sich in blutigen Revolten, der tschechische setzte den Eroberern eine spitzfindig dosierte Mischung aus Anpassung und List entgegen und fand dafür in Jaroslaw Haseks bravem Soldaten Schweijk die emblematische Figur, einen Menschen, der begriffsstutzig und schlau jeden Befehl unterlief und der in Brechts Stück von Schwejks Überleben im Zweiten Weltkrieg energisch politisch aufgeladen wurde.

Szczygiel hat nach Geschichten gefahndet, in denen sich diese Anpassung an schlechte Zeiten exemplarisch ausdrückt. Etwa die vom Schustersohn aus dem Dorf Zlín, der aus seinem schmalen Erbe etwas macht: Tomás Bata gründet 1895 eine Schuhfabrik, reist nach Amerika und bringt die Fließbandproduktion mit, er baut für seine Arbeiter eine eigene Siedlung, entlässt sie auch in schlechten Zeiten nicht, verdient an jedem Krieg, schafft sich eine private Luftflotte an, stirbt bei einem Absturz und bringt so seinen jüngeren Bruder Jan, den alle bis dahin für einen Nichtsnutz gehalten haben, in den Konzern.

Doch Jan ist nicht so dumm, wie er scheint, es gelingt ihm, die Firma zu vergrößern: „In der neuen Aera wird man unentwegt mit Statistiken operieren. Unter Tomás 24 Unternehmen, unter Jan 120. Unter Tomás 1045 Läden, unter Jan 5810. Unter Tomás 16.650 Angestellte, unter Jan 105.700.“ Und: „Zlín erlangt Berühmtheit als erste funktionalistische Stadt der Welt.“ Als die Nationalsozialisten 1938 begehrlich auf sein Land blicken, erwägt Jan seine und die Auswanderung seiner Fabriken nach Patagonien. Stattdessen schließt er einen Pakt mir Göring und wird Lieferant für das Reich. Da er dem Reichsmarschall nicht traut, flieht er selbst nach Amerika.

Nach 1945 kehrt er zurück, wird 1947 (da haben die Kommunisten, gewählt von der Bevölkerung, in Prag schon die Macht übernommen), wird zu fünfundzwanzig Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt, seine Firmen werden „volkseigene“ Betriebe. Jan Bata kann nach Brasilien entkommen. Bata Schuhe existieren weiter und ein anderer Bata, Tomík kehrt triumphal zurück. Die Familie hat mit (fast) jedem zusammengearbeitet, der Schutz und Profit versprach – und den Konzern gibt es immer noch.

Der Autor erzählt diese aufbauende Geschichte in lauter sehr kurzen Kapiteln im Präsens. Hier wie an vielen anderen Stellen des Buchs drängt sich dem deutschen Leser ein Vergleich auf: Alexander Kluge: dieselbe konstatierende Kühle, diese lakonische Sprache, dieselbe Neigung zur Parabel, wie sie die Historie schreibt. Ich weiß nicht ob Szczygiel den deutschen Schriftsteller kennt: verwandt ist er mit ihm jedenfalls.

Die anderen Geschichten des Buchs gehen nicht so gut aus. Zwar hat auch das bewegte Leben der Schauspielerin Lída Baarova, die für kurze Zeit Goebbels Geliebte gewesen war, nach vielen Brüchen in Salzburg ein braves Ende gefunden, weil ihr am Ende alle attestierten, sie sei eigentlich zu dumm gewesen, um etwas anderes als ein Star zu sein (eine Eigenschaft die in der Titelgeschichte „Gottland“ auch dem Schlagersänger Karel Gott zum Guten ausschlägt), aber schon die vom Bildhauer Otakar Svec, der das größte Stalin-Denkmal im gesamten Ostblock entwarf und bauen ließ (das schon nach acht Jahren wieder abgerissen wurde), endete tragisch: Svec brachte sich um.

Erzählt wird auch von dem Groschenromanautor Eduard Kirchberger, der immer auf der richtigen Seite sein wollte, der „Aufbau-Romane“ schrieb, weil das die Partei so erwartete, mit der Staatssicherheit paktierte, aber – welche Volte! – bei den Deutschen im KZ war (und auch da seine Kameraden verriet).

Bis in die unmittelbare Gegenwart reicht die letzte Geschichte des Bandes, die von der Ärztin Jarka Moserová, die sich darauf spezialisierte, Brandwunden zu behandeln und die nicht nur jenen heroischen Jan Palach vergebens am Leben zu halten versuchte, der sich auf dem Wenzelsplatz selbst angezündet hatte, sondern auch den kleinen, unauffälligen Angestellten Zdenek Adamec, der diese Tat lange nach der Befreiung wiederholte, aus Verzweiflung darüber, dass die neuen Zeiten so wenig besser geworden sind, als die alten. Auch Adamec war nicht zu retten. Jaroslawa Moserevová ist am 24. März 2006 gestorben – sie wurde noch Senatorin der tschechischen Republik.

2002 gab es eine Umfrage in einer Prager Tageszeitung: „Warum ist Schwejk unser Nationalsymbol?“ Eine der Antworten darauf: „Weil wir wissen, dass Heldentum möglich ist, aber nur im Film. Und niemand lebt im luftleeren Raum.“ Einige seiner gebildeten Landsleute wollten nun nichts mehr von einem wissen, der allein an seinem Überleben interessiert war. „Die Besonneren bleiben allerdings dabei, dass Schwejk kein ‚hirnloser Clown’ sei. Schweijk sei ein Philosoph der vorübergehend zwingenden Umstände. Und gleichzeitig ein Muster der Anpassung.“

Szczygiel verfolgt seine mit so viel Bedacht gewählten Figuren, die problematischen wie die unbeugsamen mit der unstillbaren Neugier eines Detektivs, der jede Lebensfacette erkunden will – und er urteilt nicht. Das überlässt er dem Leser, den er in den kurzen Kapiteln, in den jähen Orts- und Zeitwechseln seiner Geschichten zwischen Verständnis und empörtem Kopfschütteln schwanken lässt.

Wir müssen selbst entscheiden. Und das heißt für diesen Autor: die Umstände zu bedenken und sich dennoch vor jenen zu verbeugen, die diese Umstände nicht anerkannt haben. Er ist ein Reporter, der sorgfältig nach der Wahrheit sucht, die sich so oft hinter dem Anschein verbirgt und ein Literat von hohem Formbewusstsein, der in seine Formulierungen erkennbar viel Arbeit investiert hat, um seinen Lebensläufen eine überzeugende Fassung zu geben. Was er seinen polnischen Landsleuten erzählt – es geht auch uns an. Denn, wie es der Chor in Brechts Stück vom Schwejk im zweiten Weltkrieg am Ende singt: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine./ Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ Sczcygiel würde dem Dichter zustimmen.

Roland H. Wiegenstein arbeitet als freier Literatur- und Kunstkritiker für dieses Literatur-Magazin. Er lebt in Berlin und Italien.

Literaturangaben:
SZCZYGIEL, MARIUSZ: Gottland. Reportagen. Aus dem Polnischen von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 275 S., 19,80 €.

 



Data publikacji: 2008-05-30




Dziecko ma ju¿ rok!

Wrzenie ¶wiata ma rok. 10.09.10 otworzyli¶my ksiêgarniê i mam nadziejê, ¿e jej nie zamkniemy. W dzisiejszym warszawskim "Co jest Grane" (w dziale...


© 2006 Copyright by Mariusz Szczygie³. Wszelkie prawa zastrze¿one. Kopiowanie bez zgody autora zabronione.
Seo-CMS ®    Designed by Adicom

statystyka