Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.10.2008
Stalin im Großhirn
Mariusz Szczygiel zeigt den echten Kommunismus
Wer weiß schon, dass in Prag einmal das größte Stalin-Denkmal des
gesamten Ostblocks stand? Über dreißig Meter hoch war der Koloss
aus Granit, von dem heute nur noch der Sockel übrig ist. 1949 hatte
die Partei die Ausschreibung eines Wettbewerbs beschlossen, den der
Bildhauer Otakar Svec gegen seinen Willen gewann - denn sich zu
entziehen war unmöglich. Es folgten Jahre des zermürbenden Ringens
um die Details des Monuments, das Stalin an der Spitze der üblichen
Gruppe "aus dem Volk" - Soldaten, Bäuerin, Partisanin,
Arbeiter, Wissenschaftler - zeigte. Als das Denkmal 1955, zwei
Jahre nach Stalins Tod, enthüllt wurde, hatte sich sein Schöpfer
schon das Leben genommen.
In einer grandiosen Reportage hat Mariusz Szczygiel, Jahrgang 1966
und Leiter des Reportageteils der "Gazeta Wyborcza", die
Vorgänge um das Stalin-Denkmal recherchiert und als erster
Journalist das amtliche Dossier zum Tod Svecs eingesehen. Demnach
hat der Bildhauer fünfzig Tage bei aufgedrehtem Gashahn tot in
seiner Wohnung gelegen, bevor die Polizei die Tür aufbrach - nur
wenige Tage vor Einweihung des Denkmals, das 1962 wieder gesprengt
wurde. Der Befehl an den zuständigen Ingenieur, dessen Nervenkostüm
seitdem ruiniert ist, lautete: "Sprengen Sie es
würdevoll!" Auf keinen Fall wollte man den Kopf der
Stalin-Figur explodieren sehen. Inzwischen sind über vierzig Jahre
vergangen. Trotzdem stand Szczygiel bei seinen Recherchen immer
wieder vor einer Mauer des Schweigens. Beteiligte ließen sich aus
Angst oder Scham verleugnen. Der Reporter kommt zu dem Schluss:
"Es gibt also doch ein Stalin-Denkmal in Prag" - nämlich
in den Köpfen und Herzen der Menschen. Wer das Tschechien des
zwanzigsten Jahrhunderts verstehen oder wissen will, wie der
Kommunismus funktionierte, der sollte "Gottland" lesen.
In sechzehn formal eigenwilligen Reportagen bringt Szczygiel,
ausgehend von minimalistischen Szenen, komplexe Geschichte auf den
Punkt.
Ein Paradebeispiel dafür ist der Text über den Trivialautor Eduard
Kirchberger, der später als Karl Fabián den ersten
realsozialistischen Roman der Tschechoslowakei schrieb. In
rückgratlosen Briefen diente sich der ehemalige Antikommunist 1948
der Partei an, bevor ihm die Flucht nach Deutschland misslang. Aber
es gibt noch eine Vorgeschichte. Während der deutschen Besatzung
war der Widerständler Kirchberger jahrelang in Gestapo-Haft. Im
Kommunismus hätte das eine Trumpfkarte sein können - doch
Kirchberger schwieg, weil er unter der Folter alle Mitglieder
seiner Untergrundorganisation verraten hatte. Szczygiel bezeichnet
diesen Mann als "kubistische Person": "Wie ein
Gegenstand oder eine Figur in einer kubistischen Darstellung ist
seine Persönlichkeit in vielfacher Brechung begriffen." Eduard
Kirchberger wurde 1912 in Prag geboren, wo im selben Jahr die erste
kubistische Büste entstand.
Außerdem treten auf: die Schuhdynastie Bata mit ihren beiden
zwischen Genie und Wahn schwankenden Begründern, die Schauspielerin
und Goebbels-Geliebte Lída Baarová und eine noch in Prag lebende
Nichte Kafkas, die den Reporter auf sehr kafkaeske Weise ins Leere
laufen ließ. Erschütternd lesen sich die Texte über die
"Normalisierung" nach dem Prager Frühling. Die
Geheimpolizei ruinierte reihenweise Existenzen. Künstler und
Intellektuelle wurden systematisch verleumdet, mussten
erniedrigende Arbeiten annehmen, für manchen fand sich kaum ein
Platz auf dem Friedhof. Sein Buch hat Szczygiel nach dem Phänomen
Karel Gott benannt. Der populärste lebende Tscheche hat sich 2006
mit dem Museum "Gottland" nahe Prag ein Denkmal gesetzt,
das besonders ältere Leute anzieht. So gern der Künstler sein
Privatleben ausstellt, so indigniert ist er, wenn man nach seinem
politischen Verhalten in der Tschechoslowakei fragt. Den Vorwurf,
er habe damals durch einen Fernsehauftritt gegen die von Václav
Havel initiierte Charta 77 Partei ergriffen, lässt er nicht gelten.
In Karel Gott erblickt Szczygiel eine Identifikationsfigur für
viele Tschechen. "Sie liebten Gott und haben mit ihm zusammen
im Kommunismus überdauert", schreibt er über die Goldene
Stimme. "Der Besuch in Gottland ist wie eine Absolution: Die
Vergangenheit ist okay."
JUDITH LEISTER
Mariusz Szczygiel: "Gottland". Reportagen. Aus dem
Polnischen übersetzt von Esther Kinsky. Suhrkamp Verlag, Frankfurt
am Main 2008. 271 S., geb., 19,80 [Euro].
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